Kyrill – Teil 2

1 01 2008

(hc – Bastian Becker) – Glücklicherweise war ich nicht der Einzige, der bei dem nasskalten Wetter auf Hilfe angewiesen war. Nachdem ich realisiert hatte, dass es heute keine Möglichkeit gibt, Bielefeld ohne Gefahr zu verlassen (sogar einige Taxifahrer weigerten sich zu fahren…), gesellte ich mich zu den bestimmt 100 Leuten in der Bahnhofs-Lobby. Einige versuchten immer noch verzweifelt jemanden zu finden, der sie an ihr gewünschtes Ziel bringt, jedoch fuhren nur noch wahnsinnige mit dem Auto und ein, zwei mutige (oder genötigte?) Busfahrer.

Das Problem, welches ich hatte: kein Geld, keine (warme) Unterkunft, kein Essen, kein Trinken, nichts. Aber Rettung nahte, in Form von ehrenamtlichen Helfern. Mitglieder der Hilfsorganisationen, wie z.B. dem Deutschen Roten Kreuz oder der Bahnhofsmission, harrten (obwohl sie in ihrem mollig-warmen Bett hätten liegen können!) mit uns im Bahnhof aus – aber nicht nur das, sie organisierten beispielsweise Essen, etwas zu trinken, Feldbetten und externe Schlafmöglichkeiten.Helfer der Bahnhofsmission haben für 2 Wehrdienstleistende und 5 weiter zivile Personen (darunter auch mich) eine externe Schlafmöglichkeit in einem Mutterschutz-Haus in Bielefeld-Bethel organisiert. Wir wurden zur U-Bahn gebracht und waren von nun an auf uns selbst gestellt.

An dieser Stelle ein Tipp: Fahrkartenkontrolleure fahren auch noch um 23:00 mit der U-Bahn, danke, warum hat mir das keiner früher gesagt? Hätten die Kontrolleure nicht die ganze Fahrt mit dem Betrunkenen verbracht, hätte mich der Tag wohl auch noch 40,- € gekostet – oder gibt es eine Härtefallausnahme? :-)

Als wir dann per U-Bahn an unserem Ziel angekommen waren, fanden wir uns auf einer großen und unheimlich leer gefegten 6-spurigen Straße wieder. Bielefeld war tot, so sah es zumindest aus. Völlig orientierungslos, und nur mit einem krickelig aufgeschrieben Lageplan machten wir uns auf den Weg zum Mutterschutzhaus. Während wir eine gute Stunde in Eiseskälte umherirrten und respektvoll den tanzenden Oberleitungen entgegen schauten, sahen wir eine Kirche, in der noch Licht brannte. Als wir eintraten, total durchnässt und genervt, fanden wir uns inmitten gut bekleideten, makellosen Menschen wieder, die ihren Abend in angenehmer Atmosphäre mit Klavierspieler und Butler genossen. Etwas schockiert schauten uns die Leute an, als wir in Straßen- bzw. Bundeswehrkleidung die ehemalige Kirche betraten. Man bat uns jedoch an, uns kurz aufzuwärmen, jedenfalls solange, bis uns der genaue Weg zu unserer Unterkunft gezeigt werden konnte. Nach einiger Zeit war klar, wo wir hingehen mussten, nämlich auf einen kleinen Berg mit schlechter Verkehrsverbindung und dürftiger Beleuchtung. Zwischendurch fragten wir noch einmal an einem verlassenen (Geister-)Haus nach dem Weg, ein Wunder, dass uns die Dame aufgemacht hat. 5 Personen in völliger Dunkelheit klopfen an der Tür und fragen nach dem Weg…

Nach geschlagenen 2,5 Stunden waren wir dann in unserer Unterkunft, die nur gut 5 km Luftlinie vom Bahnhof entfernt lag. Wir wurden herzlich empfangen, bekamen etwas zu essen, zu trinken, trockene Handtücher, konnten uns etwas waschen. Es war wie ein Segen, scheinbar auch für die vielen Frauen in dem Haus, denn sie schienen gar nichts dagegen zu haben, dass wir „obdachlosen“ Männer das Frauenhaus in Beschlag nahmen ;-)

Am nächsten Tag, pünktlich um 5:30, machten wir uns wieder auf den Weg zurück. Die Züge fuhren zwar immer noch unregelmäßig, aber der Busverkehr lief problemlos und auch sonst hatte man das Gefühl, alles ist wieder wie vorher. Dass ich danach sofort zur Schule musste, machte mir nichts aus, denn so eine geile Story hatte ich schon lange nicht mehr zu erzählen! ;-)

An dieser Stelle auch einen Dank an die vielen ehrenamtlichen Helfer dieser chaotischen Nacht, die das Leben der „Betroffenen“ um einiges angenehmer gestaltet haben!





Kyrill

1 12 2007

(hc – Bastian Becker) Es war mein erster Arbeitstag, ein Donnerstag, als Call-Center-Agent in Bielefeld. Ich war aufgeregt, aber nicht wegen des schlechten Wetters und des Windes, welches die Jalousinen am Hochhaus gegen die Fenster warf. Vielmehr beschäftigten mich fragen wie: „Wie werden meine Kollegen sein?“ „Welche Leute werde ich am Telefon haben?“ „Werde ich erfolgreich sein, darf ich weiter dort arbeiten?“. Die 4-Stunden Probearbeiten liefen wirklich gut, ich hatte 5 Produktabschlüsse, welches meiner Kollegin, die mich einarbeitete, mal eben 40€ Provision in die Kassen spülte. Ich war zufrieden, mein zukünftiger Chef auch. Als ich um 19 Uhr aus dem Großraumbüro in Richtung Ausgang ging, ahnte ich nicht, was mich erwartet. Das Wetter war noch schlechter als bisher. In Gedanken an die unzähligen Telefongespräche ging ich zum Bahnhof. Es waren unzählige Menschen im Bahnhofsgebäude von Bielefeld, mit seltsamen Schildern auf denen „Gütersloh“, „Beckum“, „Köln“ oder „Osnabrück“ stand. Ich dachte mir nichts dabei, und ging zum Bahnsteig. Der Bahnsteig war wie leergefegt. Ich wartete, und wartete, aber kein Zug kam. Nach einigen Minuten bemerkte ich, dass ein vollbesetzter InterCity auf dem Gleis gegenüber stand. Einige Fahrgäste schliefen, andere lasen ein Buch oder tranken etwas Bier. Auf einmal ertönte aus den Lautsprechern eine freundliche Stimme: „Meine Damen und Herren auf Gleis 1, die Nord-West-Bahn „Der Warendorfer“ nach Münster, über Rheda-Wiedenbrück, Warendorf, Telgte, planmäßige Abfahrtszeit 19:14, ist aufgrund umgestürzter Bäume auf den Gleisen bis auf unbestimmte Zeit verspätet“ . Etwas entgeistert schaute ich auf die Anzeigetafel meines Bahnsteiges. „Nord-West-Bahn „Der Warendorfer“ – auf unbestimmte Zeit verspätet“. Wie bitte? Ich sehe einen Mann vom Bundesgrenzschutz, er spricht mit 2 weiteren Personen. Nach kurzem zuhören frage ich nach, wie lange das wohl dauern würde, bis wieder ein Zug fährt. Er schaute mich etwas prüfend an und meinte gelassen: „Heute werden Sie wohl nirgends mehr mit der Bahn hinfahren können. Alle Züge sind ersatzlos gestrichen!“. Na klasse. Ich stehe mitten im Winter auf einem Bahnhof, es ist kalt, nass, stürmig und dunkel. Ich habe kaum Geld mit, nichts zu essen, nichts zu trinken. Wie es weiter geht? Das erfahrt ihr in einem Monat in der nächsten Ausgabe der Jugendseite.